Verlagslandschaft
Die Verlagslandschaft in der Volksrepublik
Struktur der Verlagslandschaft, institutioneller Rahmen
Programmsegmente
Copyright
Probleme mit chinesischen Geschäftspartnern
Struktur der Verlagslandschaft, institutioneller Rahmen
Verglichen mit anderen Wirtschaftszweigen ist das Verlagswesen in China noch unter strenger staatlicher Kontrolle. Seit dem WTO-Beitritt Chinas im Dezember 2001 ist jedoch eine sichtbare Lockerung in Gang gekommen, die in den kommenden Jahren weiter fortgesetzt werden wird. Die aktuellen Bemühungen des Chinesischen Verlegerverbandes um die Aufnahme in die International Publishers‘ Association weisen ebenfalls in diese Richtung.
In der Volksrepublik China gibt es derzeit 570 offizielle Verlage, die allesamt staatlich sind. Das Verlagszentrum ist Peking. Fast 40 % der chinesischen Verlage haben ihren Sitz in der Hauptstadt, Shanghai kommt an zweiter Stelle, liegt mit nur etwa 7 % aber weit hinter Peking. (Quelle: China Statistical Data Collection of Press and Publication 2004)
Innerhalb der staatlichen Verlage unterscheidet man zwischen zwei Hierarchiestufen: Die "zentralen“ Verlage gehören direkt einem Ministerium oder einer Regierungsinstitution an, sind also auf höchster Ebene angesiedelt, und haben ihren Hauptsitz in Peking. Die "regionalen“ Verlage sind auf Provinzebene angesiedelt und haben ihren Sitz bis auf wenige Ausnahmen in den Provinzhauptstädten.
Jede Provinz bekommt zu bestimmten Bereichen, wie Politik und Recht, Erziehung / Ausbildung / Pädagogik, Literatur, Wissenschaft & Technik, Kinder- und Jugendbuch, jeweils einen Verlag zugeteilt, wodurch deren Programmausrichtung offiziell festgelegt wird. Die Realität sieht allerdings anders aus.
Die Verlagsnamen setzen sich aus dem Provinznamen - im Fall der zentralen Verlage entfällt dieser oder wird durch "China“ ersetzt -, dem Themenbereich und dem Zusatz "Publishing House“ bzw. "Press“ zusammen. Taucht der Begriff "renmin“, Volk (eng. people), in einem Namen auf, deutet dies darauf hin, dass der Verlag ein politisch-juristisch ausgerichtetes Programm hat.
Die höchste Institution für das Publikationswesen in China ist die General Administration of Press and Publication (GAPP) in Peking, die dem Staatsrat untersteht. Auf Provinz- und Kreisebene gibt es als Vertretungen der GAPP Press and Publication Bureaus, die intern analog zu dieser strukturiert sind. Zu den Hauptaufgaben der GAPP zählen das Erarbeiten eines Gesamtplans für das nationale Publikationswesen, das Erlassen von Regelungen, die Überwachung und Hilfestellung bei der Umsetzung dieser Vorschriften, die Prüfung und Genehmigung von Anträgen zur Gründung von neuen Verlagen und von Unternehmen in den Bereichen Druck und Vertrieb sowie die Überwachung des Import- und Exportgeschäfts.
In China gibt es keine spezielle Gesetzgebung für das Verlagswesen, sondern eine Ansammlung mehrerer Regelungen, die von der GAPP in den letzten Jahren erlassen wurden.
Die Zahl der offiziellen Verlage ist seit Jahren annährend unverändert, weil Verlagsgründungen einem strengen Antragsverfahren bei der GAPP unterliegen.
Bis heute sind private Verlage offiziell nicht erlaubt. Dennoch ist die Zahl der quasi privaten Verlage, die unter dem Deckmantel einer Kultur-Agentur wie ein Verlag arbeiten, in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Offizielle Zahlen gibt es keine, aber nach Einschätzung der GAPP gibt es bereits etwa 5000 (Quelle: Frankfurter Buchmesse - Newsletter) solcher "privaten“ Verlage, in denen jährlich 20 000 Titeln (Quelle: Xin, 2005) erscheinen sollen. Die reale Zahl liegt wahrscheinlich noch weit darüber.
Die Existenz der "privaten“ Verlage ist nur durch die Zusammenarbeit mit offiziellen Verlagen möglich, da nur an diese ISBN-Nummern vergeben werden. Die "privaten“ Verlage sind für die staatlichen als sogenannte "Packaging Agencies“ tätig. Der Staat kennt diese Praktiken, sieht jedoch darüber hinweg, um nicht in Zugzwang zu geraten. Die staatliche Kontrolle kann ohnehin nicht umgangen werden, da jedes Buch unter dem Namen eines offiziellen Verlags erscheint und somit den üblichen Weg der staatlichen Instanzen zurücklegen muss. Der chinesische Buchmarkt profitiert dennoch von diesen "Huckepack-Verlegern“, da sie häufig wirtschaftlicher denken und offener sind für neue Ideen und Konzepte. Der zunehmende Einfluss nicht-staatlicher Unternehmen lässt hoffen, dass sich das Angebot nach und nach an die Nachfrage anpassen wird. Viele juristische Fragen sind jedoch nach wie vor offen, z.B. wer die Rechte an den Veröffentlichungen hat. Im Einzelfall werden bereits direkte Lizenzverträge mit den "Kultur-Agenturen“ und nicht mit dem staatlichen Partnerverlag geschlossen.
Die Verlagsbranche ist zwar noch nicht so weit geöffnet für ausländische Investitionen wie die Bereiche Vertrieb und Druck, es gibt aber inzwischen auch dort mehrere Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit: eine einmalige Zusammenarbeit (z.B. Co-Produktionen und Co-Editionen einzelner Titel, besonders im naturwissenschaftlichen Bereich), eine langfrsitige Zusammenarbeit (v.a. bei Zeitschriften), oder in Form eines Joint Ventures, wobei der chinesische Eigentumsanteil der größte sein muss. Nach offiziellen Angaben gibt es in China bisher nur zwei Verlags-Joint-Ventures: Commercial Press International (China, Taiwan, Hongkong, Singapur, Malaysia) und das Children‘s Fun Publishing House. Letzteres zählt heute zu den führenden Kinder- und Jugendbuchverlagen. Bei entsprechendem Ideenreichtung gibt es jedoch noch weitere Wege der Zusammenarbeit, wie das Beispiel des Springer-Verlags zeigt: dieser hat bei Tsinghua University Press ein Lektorat eingerichtet.
Transformationsprozess
Der Beitritt Chinas zur WTO im Dezember 2001 hat einschneidende langfristige Auswirkungen auf den kulturellen Bereich des Landes. Durch die Öffnung nach außen müssen sich die chinesischen Verlage zunehmend der ausländischen Konkurrenz aussetzen - und mit dieser mithalten. Die chinesische Regierung hat darauf mit zwei Maßnahmen reagiert:
Zum einen wurden mehrere Verlage zu Verlagsgruppen zusammengeschlossen, in der Hoffnung, durch bessere Nutzung der Ressourcen an Konkurrenzfähigkeit zu gewinnen. So gibt es inzwischen etwa 20 Verlagsgruppen, wovon die China Publishing Group, die im März 2002 gegründet wurde und dem Propagandaministerium untersteht, die größte ist. (Quelle: Xin, 2005)
Zum anderen wurde beschlossen, dass sich das Verlagswesen - wie der kulturelle Bereich insgesamt - stärker am Markt orientieren soll. Dafür sollen die chinesischen Staatsverlage in den nächsten Jahren allmählich zu Wirtschaftsunternehmen umgestaltet werden. Staatliche Verlage waren noch bis vor wenigen Jahren eine Art Außenstelle von Ministerien und Industriezweigen, die erst in den letzten Jahren mit den ersten Maßnahmen in Richtung Eigenverantwortlichkeit konfrontiert wurden. So bestimmen z.B. inzwischen Verlage selbst über die Auflagenhöhe ihrer Veröffentlichungen. Eine Folge dieser Reformmaßnahmen wird in naher Zukunft das Verschwinden schwacher Verlage sein, die bisher nur dank staatlicher Subventionen aufrecht erhalten wurden. Das People‘s Literature House, das überwiegend politsch und ideologisch ausgerichtete Bücher im Programm hat, wird als einziger Verlag auch nach der Umgestaltung weiter staatlich finanziert werden.
Wie die genaue Ausarbeitung und Umsetzung der Transformationspläne aussehen wird, ist auch den Entscheidungsträgern noch unklar. In der Übergangsphase, in der sich das chinesische Verlagswesen momentan befindet, ist eine chaotische Programmplanung keine Ausnhame, so dass zahlreiche Verlage kein klares Profil mehr haben. Viele Versprechen sich von einer Programmerweiterung, sich auf dem Markt besser behaupten zu können. Die Kontrollen sind mangels voraussschauender Planung relativ locker. So kommt es, dass man bisweilen im Programm eines Wissenschafts- und Technikverlags auch belletristische Titel finden kann.
Das Dilemma im kulturellen Bereich und somit auch in der Verlagswelt ist, dass die Verlage in Zukunft immer weniger auf staatliche Unterstützungen zurückgreifen können werden, diese finanzielle Unabhängigkeit und Verantwortung jedoch mit keiner inhaltlichen einhergeht.
Programmsegmente
Beim chinesischen Buchmarkt werden drei Arten von Veröffentlichungen unterschieden: Bücher, Lehr- und Schulbücher sowie Bildkarten. Die Ausführungen in diesem Abschnitt beziehen sich auf den ersten Bereich.
Offiziell werden chinesische Bücher in 22 Katgorien eingeteilt, unter Verlagen ist jedoch folgende Aufteilung in 8 Marktsegmente üblich: Sozialwissenschaften, Naturwissenschaft & Technik, Kunst & Literatur, Kinder- und Jugendbuch, Chinesische Klassiker, Erziehung / Ausbildung / Pädagogik, Fachbücher, Nachschlagewerke. Eine Unterscheidung nach Hardcover-, Broschur- und Taschenbuchausgaben gibt es nicht.
Es gibt in der Volksrepublik derzeit 30 Verlage (Quelle: Xin, 2005), die sich auf die Veröffentlichung von Kinder- und Jugendbüchern spezialisiert haben. Zahlreiche weitere Verlage haben Kinder- und Jugendbücher mit ins Programm genommen. Angesichts der großen Zielgruppe und des Potentials des Kinder- und Jugendbuchmarktes - derzeit sind 360 Mio. Chinesen unter 18 - wird in den kommenden zehn Jahren eine Umsatzvedopplung erwartet. Eine wichtige Rolle dabei spielen zunehmende Lizenzeinkäufe aus dem Ausland. Außerdem hat die GAPP im Mai 2004 angekündigt, den chinesischen Kinder- und Jugendbuchmarkt durch spezielle Programme und einen Staatsfonds - in Vorbereitung auf den IBBY-Kongress (International Board On Books For Young People) 2006 in Peking - zu unterstützen. Zu den führenden chinesischen Kinder- und Jugendbuchverlagen zählen China Children‘s Publishing House, Zhejiang Children‘s and Juvenile Publishing House und Jieli Publishing House.
Mit einem Marktanteil von 16 % (Quelle: Xin, 2005) ist außerdem das Fachbuch ein bedeutendes Segment. Da das Interesse am Wissenstransfer im Rahmen des Modernisierungsprozesses in China ausgesprochen groß ist, sind die Möglichkeiten der Zusammenarbeit besonders gut. Zu den gefragten Themen zählen Informatik und Computer. Marktführer in diesem Bereich ist China Machine Press. Auch Sachbücher zu Architektur und Berufsausbildung stoßen in China auf großes Interesse.
«textbooks»: Lehr- und Schulbücher
Eine Besonderheit beim chinesischen Buchmarkt ist der extrem hohe Anteil von Schul- und Lehrbüchern, die nicht zu den „normalen“ Büchern gezählt, sondern wie auch die Bildkarten als eigene Kategorie betrachtet werden. Die Titelanzahl der sogenannten „textbooks“ macht zwar nur 15,13 % der Gesamttitelproduktion aus, die Auflage von insgesamt 3,254 Mrd. hat jedoch einen Anteil von fast 48,8 %, der Umsatzanteil liegt bei knapp 34,9 %. (Quelle: China Statistical Data Collection of Press and Publication 2004) Diese Zahlen verdeutlichen die ausgesprochen wichtge Stellung der Lehr- und Schulbücher innerhalb des chinesischen Buchmarkts, die sich auch in den Verlagsprogrammen widerspiegelt: 93 % (Quelle: Xin, 2005) der chinesischen Verlage haben Schul- und Lehrbücher im Programm.
Copyright
Von 1949 bis 1991 gab es in der Volksrepublik China kein Urheberrechtsgesetz, weshalb sich das Bewusstsein für den Schutz von "geistigem Eigentum“ erst sehr viel später als in Deutschland entwickelt hat. Hinzukommt, dass man den Stellenwert und die Bedeutung von "geistigem Eigentum" in Schwellenländern wie China lange Zeit anders bewertete. Erst 1990 wurde ein Urheberrechtsgesetz erlassen, das seit Juni 1991 in Kraft ist, 1992 unterzeichnete die VR China das Internationale Urheberrechtsabkommen und trat der Berner Konvention bei. Trotz Überarbeitungen ist das Copyright-Gesetz noch nicht ausgereift, Raubdrucke sind immer noch ein gravierendes Problem, das auch in den kommenden Jahren bestehen bleiben wird. Besonders Bestseller sind davon betroffen. Seit dem WTO-Beitritt sind die staatlichen Stellen jedoch gezwungen, verstärkt dagegen vorzugehen. Bei Verlagen ist immerhin inzwischen das Bewusstsein dafür geweckt, sein Recht einzuklagen, wenn man auf Raubdrucke eigener Publikationen stößt.
Die zuständige Behörde für den Schutz des Urheberrechts ist die National Copyright Administration of China (NCAC), die der GAPP angehört. Auf Provinz- und Kreisebene gibt es analog zur Struktur der GAPP Copyright-Bureaus, die der NCAC unterstehen.
Lizenzsituation
Der chinesische Markt hat sich in den letzten Jahren immer weiter geöffnet, inzwischen gibt es etwa 30 chinesische Literaturagenturen (Quelle: Xin, 2005) und es kommen immer mehr ausländische Literaturagenten ins Land. Die steigenden Lizenzverkäufe nach China in den letzten Jahren zeigen, dass das Interesse an Büchern aus dem Ausland wächst und damit auch die Chancen für deutsche Verlage steigen.
Seit 1998 belegt die chinesische Sprache den Spitzenplatz bei deutschen Lizenzverkäufen ins Ausland. 2003 lag die Zahl der von Deutschland in den chinesischen Sprachraum (inkl. Taiwan und Hongkong) verkauften Lizenzen bei 660. (Quelle: Buch und Buchhandel in Zahlen 2004) Das Interesse an klassischer deutscher Literatur ist in China seit jeher sehr groß. Deutschland gilt als das Land der Dichter und Philosophen. Auch Kinder- und Jugendbücher sind sehr gefragt. Die deutsche Gegenwartsliteratur hat es allerdings abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Günter Grass und Bernhard Schlink immer noch schwer, sich in China durchzusetzen - wie in anderen Ländern auch. Übersetzungen aus Großbritannien und den USA sind in China zahlenmäßig noch weit überlegen. Autoren müssen in China erst bekannt gemacht und eingeführt werden. Hinzukommt, dass es das Vorurteil zu bekämpfen gilt, deutsche Gegenwartsliteratur sei zu analytisch und wenig unterhaltend.
Probleme mit chinesischen Geschäftspartnern
Auch wenn sich der chinesische Markt allmählich öffnet, bestehen nach wie vor umständliche Wege über Institutionen und Instanzen, die zu Verzögerungen bei Geschäftsprozessen führen können. So gehen z.B. Zahlungen an ausländische Verlage nicht pünktlich ein, weil erst Devisen beantragt werden müssen. Entscheidungenn können sehr lange dauern, weil immer wieder bürokratische Hürden zu nehmen sind. Man bekommt keine Belegexemplare, weil diesem Teil des Vertrags keine Bedeutung beigemessen wird, Honorare werden wegen unkoordinierter Arbeitsabläufe unregelmäßig abgerechnet. Mit der allmählichen Lockerung der staatlichen Kontrolle und der zunehmenden Professionalisierung des Verlagswesens ist jedoch zu erwarten, dass sich die chinesischen Geschäftspraktiken zunehmend den internationalen Standards angleichen werden.



